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Così fan tutte
Dramma giocoso in zwei Akten
Musik: Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto: Lorenzo da Ponte
Uraufführung: 26. Januar 1790, Burgtheater Wien
Aufführungen in St.Gallen: 19.9. | 30.9. | 4.10. | 6.10. | 11.10. | 25.10. | 5.11. | 14.11. | 6.12. | 9.12. | 12.12. | 21.12. | 28.12. 2009 | 14.1. | 16.2. | 19.2. | 24.2. 2010

Theater SG | Così fan tutte

Das Theater St.Gallen bringt die «Perle der gesamten Lustspielliteratur» Così fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart auf die Bühne - und machen's nicht wie alle...

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Kritik:
Die Gewinnerinnen des Abends sind die Frauen: Die von Don Alfonso unterdrückte und von Kindesbeinen an ausgebeutete Despina wird zukünftig auf eigenen Füssen stehen, sich aus ihrer Abhängigkeit vom Gaukler lösen. Beispiele ihres grossartigen komödiantischen Könnens hat sie zur Genüge geliefert. Die Schwestern Dorabella und Fiordiligi haben eben ihren Vater beerdigt (zu den schweren Akkorden der Ouvertüre lassen sie weisse Blumen ins Grab – den Orchestergraben – fallen), am Ende dieses turbulenten Tages stehen sie ohne ihre fiesen Verlobten da und werden hoffentlich an einfühlsamere Männer geraten.
Verlierer sind die Männer: Alfonso wird ohne die talentierte Despina wohl ganz in Korruption und Alkohol abgleiten, der smarte Latin Lover Ferrando hat das Ziel, seinem Kumpel die Braut auszuspannen, nicht erreicht. Er sinkt gebrochen nieder. Der gutmütige, aber naive Kindskopf Guglielmo hat seine Fiordiligi verloren und auch das Herz der Dorabella nicht erobern können.
Diese Sicht des Regisseurs Ansgar Weigner auf COSÌ FAN TUTTE ist ungewohnt, neu und zeigt interessante und berührende Ansätze, vermag in den psychologischen Deutungen der Charaktere zu überzeugen. Dass dann einige Ungereimtheiten zum Text von Lorenzo da Ponte bleiben, ist nicht zu umgehen. Doch scheint mir seine Interpretation sehr nahe bei Mozart zu liegen. Und schliesslich: Welches Opernlibretto ist schon durch und durch schlüssig und logisch. So bleibt immer ein Spielraum für Interpreten und diesen hat Ansgar Weigner grosszügig genutzt. Restlos begeistert das Bühnenbild von Susanne Harnisch: Die Trattoria mit den darüber liegenden Wohnräumen im Stil der 50er Jahre ist eine wunderbare Spielfläche für die Entfaltung des Geschehens.
Die Übertitel erläutern sinnigerweise die Konzeption des Regisseurs und geben die Texte da Pontes nur bruchstückhaft wieder.
Ein Glück auch, dass dem Regisseur für seine Umsetzung tolle Singschauspieler zur Verfügung stehen:
Simone Riksman erinnert als Despina an Giulietta Masina in Fellins LA STRADA. Sie zeigt die ganze Tragik der Kindsfrau auf, welche sich im Verlauf des Abends von ihrem Vaterersatz Alfonso löst. Mit ihrem glockenreinen Sopran bereichert sie die Ensembles und nutzt die Arie Una donna a quindici anni zu einem gesanglichen und darstellerischen Kabinettsstück. Von der Klangfarbe her unterscheiden sich die beiden Schwestern nicht allzu stark. Netta Or als Fiordiligi verfügt über einen sehr angenehm dunkel, interessant timbrierten Sopran. Den zerklüfteten Felsen der schwierigen Felsenarie erklimmt sie mühelos, ihre Stimme verfügt über ein breites dynamisches Spektrum, welches sie äusserst differenziert einzusetzen weiss. Die zweite Arie, Per pietà, delikat vom Horn begleitet, gerät zu einer musikalischen Sternstunde. Der samtene Ansatz der Töne und die leuchtenden Höhen lassen aufhorchen.
Katja Starke liess sich an diesem Abend als leicht indisponiert ansagen, doch war von der Erkältung nichts mehr zu hören. Ihre Dorabella ist eigentlich die sympathischere, menschlichere der beiden Damen. Der warme Mezzosopran und die gekonnte Phrasierungskunst der Künstlerin begeistern immer wieder.
Arthur Espiritu geht in seiner Rolle als windiger, eitler Geck und selbstverliebter Macho vollkommen auf. Neben seiner blendenden Erscheinung führen vor allem sein doppelbödiges Spiel, seine subtile Mimik und die Stimmschönheit seines Tenors zu einem interessanten Rollenporträt. Die Idee, seine von einschmeichelnder Melodik geprägte Arie Un aura amorosa als erotische Telefonanmache zu inszenieren, ist eine der treffendsten des Abends. Sein etwas tollpatschiger Kumpel Guglielmo wird von Markus Beam mit der notwendigen Naivität und amüsanten akrobatischen Einlagen gespielt. Er tut einem am Schluss am meisten Leid, da er von seinem vermeintlichen Freund Ferrando aufs Schlimmste missbraucht worden ist. Sein jung und frisch klingender, sauber geführter Bariton weiss zu gefallen.
David Maze war in der besuchten Vorstellung (30. September) der schmierige Alfonso, eine gescheiterte Existenz. Wenn sich dann auch noch Despina von ihm emanzipiert, ihm sämtliche Fäden entgleiten, bleibt ihm gar nichts mehr, nur der Alkohol. Von einem versöhnlichen Ende, einem lieto fine, kann also in dieser St.Galler COSÌ keine Rede sein.
Gespielt wird eine gekürzte Fassung, mit den üblichen Strichen. (Nicht wie in Zürich, wo COSÌ FAN TUTTE beinahe eine Stunde länger dauert.)
Das Sinfonieorchester St.Gallen spielt einen lebendigen Mozart, manchmal etwas gar polternd. Für die zügigen Tempi ist mit ausladenden Bewegungen und grosser Aufmerksamkeit und Übersicht Dirigent Jeremy Carnall zuständig.

Fazit:
Nicht ganz frei von Ungereimtheiten, aber eine allemal spannende Lesart. Ein junges Ensemble begeistert mit Mozarts genialer Musik

Werk:
Così fan tutte gehörte lange Zeit nicht zu den beliebtesten Opern Mozarts, obwohl die Musik zum Schönsten und Einfühlsamsten zählt, was Mozart komponiert hatte. Seine Gabe, tief in die Seele der Menschen hineinzublicken, Schwächen und widerstreitende Gefühle auszuloten und diese in beglückend schöne Noten zu setzen, erreichte in dieser Oper einen Höhepunkt.
Mozarts liberale Gesinnung und sein Einstehen für die sexuelle Selbstbestimmung stand in herbem Widerspruch zum aufkeimenden Puritanismus, der nach der französischen Revolution einsetzte. Wegen des nach dem Tod des aufgeklärten Reformkaisers Joseph II. moralisch unter Druck gekommenen Librettos und abfälliger Äusserungen von Beethoven (obwohl er eine Fiordiligi Arie zum Vorbild für die grosse Leonoren Arie genommen hat …) und Wagner bekam das Werk erst im 20. Jahrhundert seinen verdienten Stellenwert im Repertoire.

Inhalt:
Die Wette, die Guglielmo und Ferrando mit dem Philosophen Don
Alfonso eingehen, entpuppt sich als Spiel mit dem Feuer. Um die Liebe von Fiordiligi und Dorabella auf die Probe zu stellen, geben die Offiziere vor, in den Krieg zu ziehen. Nach tränenreichem Abschiednehmen der fassungslosen Frauen betreten Guglielmo und Ferrando als fremdländische Brautwerber verkleidet die Szene und das böse Spiel nimmt seinen Lauf: Kammerzofe Despina, Intrigantenhelferin Don Alfonsos, rät den Bräuten, das Liebesvergnügen willkommen zu heissen und diese, obwohl anfänglich noch resistent gegen voreheliche Untreue, geben sich den Freuden der neuen Liebe schliesslich hin. Dies geschieht nach Metastasios Intrigenschema natürlich über Kreuz, sodass nun Guglielmo und Dorabella sowie Ferrando und Fiordiligi jeweils vor Zuneigung füreinander vergehen. Dass am Ende alles doch wieder seine zweifelhafte Ordnung erhält – Was soll’s! So machen’s alle!

Musikalische Höhepunkte:
Soave il vento, Terzett Fiordiligi, Dorabella, Don Alfonso, Akt I
Ah, scostati … Smanie implacabili, Szene und Arie der Dorabella, Akt I
Come scoglio, Arie der Fiordiligi, Akt I
Un aura amorosa, Arie des Ferrando, Akt I
Una donna a quindici anni, Arie der Despina, Akt II
Per pietà, Arie der Fiordiligi, Akt II
Il core vi dono, Duett Dorabella, Guglielmo, Akt II
Fra gli amplessi, Duett Fiordiligi, Ferrando, Akt II

Für art-tv und oper-aktuell © Kaspar Sannemann, 1. Oktober 2010

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