Luzerner Theater | Le Nozze di Figaro

Luzerner Theater
Ein umwerfend "verrückter" FIGARO ist im Luzerner Theater zu erleben!
Premiere: 31. Januar 2010
Opera buffa in vier Akten
Musik: Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto : Lorenzo da Ponte
Uraufführung: 1. Mai 1786, Burgtheater Wien
Aufführungen in Luzern 31.1. | 6.2. | 13.2. | 21.2. | 25.2. | 27.2. | 11.3. | 13.3. | 18.3. | 3.4. | 5.4. | 16.4. | 23.4. | 9.5.2010
Kritik:
La folle journée: Trotz aller im Stück enthaltenen Turbulenz – so wörtlich wollten die Verantwortlichen den Titel von Beaumarchais’ Schauspiel gewiss nicht nehmen. Doch entwickelte sich diese Premiere in Luzern tatsächlich zu einem total verrückten Tag. Um die Mittagszeit erfuhr die Intendanz, dass die Sängerin der Susanne schwer erkrankt war und sich ausserstande sah, die Premiere zu singen oder zu spielen. Bei dem herrschenden Schneechaos war es nicht leicht, so kurzfristig einen Ersatz zu finden. Schliesslich wurde man in Bern fündig und konnte Vilislava Gospodinova verpflichten. Sie hatte die Rolle vor einiger Zeit gesungen, jedoch mit anderen Strichen. Deshalb sprang Ensemblemitglied Madelaine Wibom für die Rezitative ein. Doch wer sollte Susanna in dieser komplexen Inszenierung auf der Bühne verkörpern? Da entschloss sich kurzerhand Regisseur David Hermann, in die Kleider der Kammerzofe zu schlüpfen. Aus dieser Situation ergaben sich zum eh schon recht anzüglichen Inhalt der Oper zusätzliche mehr oder weniger erotische Verwicklungen und amüsante Doppeldeutigkeiten, indem die (not)geilen Männer quasi einen Transvestiten herumzukriegen versuchten. Wahrlich „totalement folle“. Ein grosses Bravo an alle Beteiligten dafür, dass sie auf diese unkonventionelle und einfallsreiche Art den Premierenabend retteten!
Regisseur Hermann sparte aber auch insgesamt nicht mit sexuellen Anspielungen, wobei er es oft nicht bei diesen beliess, sondern sehr eindeutig wurde. Recht so, denn das Stück wurde in dieser Beziehung im Verlauf der Rezeptionsgeschichte oft zu prüde und betulich inszeniert. Dass es für einmal recht deftig zur Sache ging und trotzdem nicht künstlich aufgesetzt wirkte, ist ein grosses Plus dieses Abend. Schon die Eröffnungsszene, als Figaro die Masse nicht auf das zu möblierende Zimmer sondern auf seine Penislänge bezieht, ist umwerfend. Der Regisseur spart auch im weiteren Verlauf nicht mit ähnlich direkten Einfällen. Er betont auch die Zeitlosigkeit dieser triebgesteuerten Männer dadurch, dass er die Handlung nicht in einer fest fixierten Zeit spielen lässt. Die Kostüme (Christof Hetzer) reichen von klassizistischen Gottheiten (Gräfin), über Trophäenjäger aus dem Wilden Westen (Graf) zu schmierigen Typen mit Rüschenhemden und fetten Haaren (Basilio). Der Abend begeistert durch einen nie versiegenden szenischen Einfallsreichtum: Wie raffiniert der oft ziemlich plump inszenierte Sprung des Pagen Cherubino aus dem Fenster gelöst wird, sei hier nicht verraten, das muss man gesehen haben – genau wie das Spiel mit den Sexpuppen im grossartigen Aktfinale II.
Die leicht verschiebbaren Holzelemente und die wenigen Requisiten (Bühne ebenfalls von Christof Hetzer) ermöglichten eine raffinierte und durchdachte Szenenabfolge in diesem von leicht – oder schwerer – gestörten Personen bevölkerten Haus, in welchem die Beteiligten im wahrsten Sinne des Wortes immer „verrückter“ werden.
Auch musikalisch vermochte das Luzerner Ensemble zu überzeugen. Die Einspringerin Vilislava Gospodinova sang die Ensembles und die Arien der Susanne mit wunderschönem, warmem Timbre von der linken Seite, Frau Wibom steuerte quicklebendige Rezitative von rechts bei. Die Gräfin wurde von Katharina Persicke mit sehr schöner, runder Tongebung gesungen, Cherubinos Arien erfuhren durch Olga Privalovas warmen Mezzosopran die atemlose, sexuelle Aufgeladenheit des ungestümen Jünglings. Den sich ständig in den Schritt fassenden, unersättlichen Grafen sang Tobias Hächler mit viel Humor in der wohlklingenden, verführerischen Stimme und Marc-Olivier Oetterli als nicht nur stimmlich potenter Figaro stand ihm in nichts nach. Differenzierte darstellerische und musikalische Darbietungen von Caroline Vitale (Marcellina), Boris Petronje (Bartolo), Robert Maszl (Basilio und Curzio), Flurin Caduff (als Antonio einem Gemälde Arcimboldos entsprungen) und Regula Mühlemann (Barbarina) rundeten die geschlossene, und gerade für diese Oper so wichtige, Ensembleleitung vortrefflich ab.
Unter der umsichtigen Leitung von Howard Arman setzte das bestens disponierte Luzerner Sinfonieorchester weitere witzige (und auch melancholische) Akzente zu diesem „tollen Tag“, diesem verrückten Abend.
Inhalt der Oper:
„Figaros Hochzeit“ ist die Fortsetzung des „Barbiers von Sevilla“.
Die Handlung spielt an einem einzigen Tag.
Graf Almaviva ist mit Rosina verheiratet, aber seine Gefühle für die Gräfin sind erkaltet. Er stellt der Zofe Susanna nach, die sich jedoch mitten in den Hochzeitsvorbereitungen mit Figaro, Almavivas Kammerdiener, befindet. Zwar hat der Graf auf das adlige „Recht auf die erste Nacht“ verzichtet, nimmt sein Versprechen jedoch nicht sehr ernst. Figaro seinerseits hat die Ehe Marcellina versprochen. Nach einigen turbulenten Szenen, die geprägt sind vom ständigen Auftauchen des jungen Heisssporns Cherubino, von Eifersucht, Rache, Verwechslungen, Intrigen und Lust, stellt sich heraus, dass Marcellina Figaros Mutter ist, Bartolo sein Vater und weder Susanna noch die Gräfin untreu waren.
Auf Knien muss der Graf seine Gräfin um Verzeihung bitten. Doch ist die Welt nun wieder in Ordnung, sind die Wunden verheilt?
Werk:
Stilistisch zwar noch eine typische opera buffa, zeigt Mozarts NOZZE DI FIGARO den Meister auf dem Höhepunkt seines Opernschaffens: Wie kein anderer seiner Zeitgenossen verstand er es, seine Protagonisten mit Leben zu erfüllen, Stimmungsumschwünge gekonnt in die konventionellen Formen der Arien und Cavatinen einzubauen, Ensembles von vitaler Kraft und Lebendigkeit zu komponieren.
Obwohl das Stück von Beaumarchais mit einem Aufführungsverbot belegt war (Kritik an der Feudalherrschaft), durfte die Oper Mozarts und da Pontes unbeanstandet von der Zensur gespielt werden. Nach einer eher reservierten Aufnahme durch das adlige Wiener Publikum setzte sich der FIGARO erst nach den erfolgreichen Aufführungen in Prag durch.
Musikalische Höhepunkte:
Viele bekannte und wunderschöne Arien und Ensembleszenen, so die beiden Arien der Gräfin „Porgi amor“ und „Dove sono i bei momenti“, Cherubinos „Non so più“ und „Voi che sapete“, Susannas „Deh vieni, non tardar“ im vierten Akt, Figaros „Aprite un po´ quel´occhi“…
Für oper-aktuell und art-tv: © Kaspar Sannemann, 1. Februar 2010
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