Visions du Réel | Wiegenlieder
Das erste Lied, das man als Kind hört, ist das Wiegenlied, mit dem einen die Mutter in den Schlaf singt. So sollte es sein. Tamara Trampe geht im Film «Wiegenlieder» diesem Phänomen nach.
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Synopsis Wir alle waren einmal Kinder, und wir alle tragen tief in uns Erfahrungen, die unsere Kindheit geprägt haben – manche wie wertvolle Schätze, andere wie schmerzhafte Narben und dunkle, konturlose Schatten. Tamara Trampe und Johann Feindt fragen Menschen in den Strassen Berlins, ob sie sich an ein Wiegenlied erinnern, welches man in ihrer Kindheit für sie gesungen hat. Einige stimmen eine Melodie an, andere beginnen, zu reden, manche lächeln. Einer schweigt, mit Tränen in den Augen. Die Beziehung zu Mutter und Kindheit, welcher Art auch immer sie sein mag, scheint auf kulturübergreifender Ebene tief im Kern unseres Menschseins verwurzelt. Kontrastreiche menschliche Begegnungen verweben sich mit poetischen Fragmenten der urbanen Landschaft zu einer polyphonen audiovisuellen Grossstadtsymphonie. Manche Figuren sind nur flüchtige Erscheinungen, zu anderen entsteht ein engerer Kontakt mit mehrteiligen Gesprächen, die von Geborgenheit, Liebe und Träumen handeln – oder von deren schmerzlicher Abwesenheit. Da ist ein mit gehörlosen Eltern aufgewachsener Komponist moderner Orchestermusik, oder ein trockener Alkoholiker, dessen Kindheit in einer Pflegefamilie von der Sehnsucht nach seiner leiblichen Mutter geprägt war; aber auch ein aufgewecktes kleines Mädchen, das in überraschend erwachsenem Ton von ihrem Leben und ihrer Beziehung zur Mutter erzählt. Doch die berührendste Geschichte ist sicherlich jene eines tschetschenischen Politikers und Poeten im Exil, welcher von seiner Kriegserfahrung berichtet, und dessen einziger persönlicher Besitz ein kleiner Plüsch-Marienkäfer ist, der ihn daran erinnert, «dass er einmal ein reines Kind war».
Wertung Tamara Trampe weiss auf eindrückliche Weise, mit jedem Gegenüber den richtigen Ton zu treffen. Sie stellt ungewöhnlich direkte, manchmal grausame Fragen, die aber stets tiefliegende Emotionen zu Tage fördern. Wiegenlieder ist ein mosaikartiger, vielschichtiger Film voller stimmstarker oder schüchterner, fröhlicher oder trauriger Lieder, eingefasst in inspirierte Bilder, die den Weltansichten Gestalt verleihen, und durchzogen von riesigen Seifenblasen, die schimmernd in den Stadthimmel entschweben.
Visions du Réel | Sa, 17. April 2010 | 14:00 | Salle communale
Wiederholung | Mo, 19. April 2010 | 20:00 | World Dreams Capitole 2
Regie: Tamara Trempe
Deutschland | 2009 | 98'

















