Visions du Réel | Sainte Anne, Hôpital Psychiatrique
Die Begegnung im Film «Sainte Anne, Hôpital Psychiatrique» mit vier Patienten der Psychiatrischen Klinik «Sainte Anne» in Paris tauchen uns in Welten ausserhalb eines gängigen Alltages. Harte, unausweichliche Realität... brutal real...
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Synopsis Flehende Schreie, unerträglich. Weisse Kittel versuchen den Anfall zu beruhigen, sprechen vage von Valium und ihrer schlechter Laune. Dann ein kleines Büro, beamtenhaft, kalt. Das Gesicht einer jungen Frau, stets nur mit dem Familiennamen angesprochen, deren Einweisung die Kamera aufzeichnet. Willkommen in der psychiatrischen Klinik Sainte-Anne in Paris. Schliesst sie in euer Gebet ein! Ilan Klipper, erklärter Erbe von Wiseman, zwingt die Zuschauer in der Tradition des Direct Cinema, ohne Rettungsring in dieses Irrenhaus einzutauchen, mitten ins Elend. Sainte-Anne, hôpital psychiatrique konfrontiert uns mit vier Patienten und stigmatisiert die Rückkehr der französischen Psychiatrie zu einer Politik der medikamentösen und physischen Ruhigstellung. Von der Einweisung an werden die Patienten autoritär behandelt und infantilisiert: die einen kapitulieren, die andern rebellieren. Da ist einerseits ein junger Geisteskranker, der es versteht, die Kamera zu seinen Gunsten zu nutzen. Er wird so zum «Helden und Herold» des Films und widersetzt sich den Ärzten andauernd, die ihn vergeblich mit Medikamente und Gurten ruhigzustellen suchen. Und andererseits ein chronisch depressiver Fünfzigjähriger, der unter Druck in die Elektroschockbehandlung einwilligt. Dann die beiden andern… Ein massiger Mann, vielleicht einst ein Intellektueller, dessen Rede in der Isolation immer zusammenhangloser wird… Die Pfleger müssen ihn mit Gewalt festhalten, um ihm eine Spritze zu geben. Und die junge, soeben eingelieferte Frau behauptet, sich selbst mit Absicht interniert zu haben, um das Krankenhaus wegen den früher erduldeten Elektroschocks einzuklagen. Auf der anderen Seite, durch Türen geschützt, Ärzte und Krankenpfleger, junge, unerfahrene Internisten und zynisch gewordene alte Hasen, die sich in verlegenes Lachen flüchten und versuchen, die Sache so gut wie möglich in den Griff zu bekommen. Hier gibt es keine Psychoanalyse, die Krankengeschichte kommt nur bei gewalttätigen Konflikten zur Sprache oder bei Besuchen von Nahestehenden – falls es sie gibt. Das Schrecklichste daran ist, dass niemand je diese geschlossene Gesellschaft zu verlassen scheint, ausser um das Zimmer zu wechseln oder wenn sich der psychische Zustand vielleicht allmählich stabilisiert. Oder der Patient endet, wie der junge Geistesgestörte, eingesperrt und angegurtet in der Beobachtungszelle, mit uns als Zuschauern, durchs Bullauge auf Distanz gehalten.
Visions du Réel | So, 18. April 2010 | 20:00 Uhr | Salle Communale
Wiederholung | Di, 20. April 2010 | 9:00 Uhr | Capitole 1 Leone
Regie: Ilan Klipper
Frankreich | 2009 | 88'
Für den Spezial Preis SSR SRG idée suisse hat die ein wenig gespaltene Internationale Jury zwei Filme ex-aequo gekürt. Für das Eintauchen in zeitgenössische, von Gewalt beherrschter Realitäten: «Sainte Anne, Hôpital Psychiatrique» von Ilan Klipper, Frankreich und «Something about Georgia» von Nino Kirtadzé, Frankreich.

















