| Synopsis:
Handlung: Wittenberg und Parma; ausgehendes Mittelalter
Der Künstler Faust ist in der Krise. Er sieht sein
Werk gescheitert. Er wünscht Genie und das Begreifenkönnen
der Welt in ihrer Unendlichkeit So lässt er sich
widerstrebend auf einen Pakt mit Mephistopheles ein,
der ihm aber nur Reichtum, Macht und Ruhm bietet. Faust,
der in der Folge seine Anziehung auf Frauen rücksichtslos
ausnützt, verursacht nur Tod und Verzweiflung.
Als schliesslich die tote Herzogin von Parma ihm ihr
ebenfalls totes Kind überreicht, fängt er
an zu begreifen, doch beten kann er nicht mehr. Er zieht
einen magischen Kreis, in dem er gemäss einer Prophezeiung
stirbt. Sein Geist aber lebt in Gestalt eines Jünglings
weiter.
Musikalische Höhepunkte:
Dichtes, durchkomponiertes Werk. Schlussmonolog des
Faust.
Kritik: (SK) Busonis
Haupt- und Monumentalwerk stand seit über 30 Jahren
nicht mehr auf dem Spielplan der Zürcher Oper,
höchste Zeit also, sich wieder einmal dieses Schlüsselwerks
des frühen 20. Jahrhunderts zu entsinnen und eine
Neuinszenierung zu wagen. Diese wurde bei der Premiere
vom Publikum auch sehr freundlich aufgenommen, obwohl
sich das Parkett nach der Pause merklich gelichtet hatte.
Vielen Premierenbesuchern schien es schwer zu fallen,
sich auf weniger vertraute Klänge einzulassen.
Doch mit offenen Ohren konnte man sich ganz wunderbarer,
polyphoner Musik hingeben. Diese erklang unter dem grossartigen
Dirigat von Philippe Jordan, der es meisterhaft verstand,
dieser Musik Leben einzuhauchen, den Zuhörer zu
verführen und spannungsreiche Bögen zu schaffen.
Das Orchester der Oper Zürich lief einmal mehr
zur Hochform auf, gestaltete wunderbar subtil, dann
wieder – im richtigen Moment – kräftig
auftrumpfend. So blieb die Balance zwischen Bühne
und Graben stets gewahrt, und die meisten Sänger
brachten ihre Texte sehr wortverständlich über
die Rampe. Dennoch ist man dankbar, dass nun auch deutsch
gesungene Werke übertitelt werden.
Auf der Bühne spielt sich alles sehr getragen ab,
Busoni macht es dem Zuschauer nicht einfach, er überlässt
vieles seiner eindringlichen Orchestersprache. Diese
soll Räume öffnen für eigene Gedanken.
Identifikationsfiguren finden wir in dieser Oper nicht,
keine Liebenden, keine Leidenden, nicht einmal wirkliche
Bösewichte. Selbst Mephistopheles wirkt sprachlich
eher harmlos, doch Gregory Kunde vermag durch wenige
Fingerzeige und eine eindrückliche Mimik etwas
Dämonie in den Abend zu bringen. Zudem überzeugte
er musikalisch in der sehr hoch geschriebenen Tenorpartie,
inklusive hohem C in der Erscheinungsszene! Die restlichen
Figuren dieses Spiels sind – wie meistens in Zürich
– sehr gut besetzt. Sandra Trattnigg überzeugt
mit wunderbar warmem Sopran als Herzogin von Parma,
die einzige Frauenstimme in dieser männerstimmenlastigen
Partitur.
Der Regisseur, Klaus Michael Grüber, erzählt
uns die Handlung unaufdringlich, auch er lässt
dem Zuschauer viel Raum für eigene Gedanken. Auf
die klärenden Worte des Dichters ans Publikum und
die Einsetzung Wagners als Rektor der Universität
wurde verzichtet. Fausts Studierstube ist ein heller
Raum, von unzähligen Glasgefässen in allen
Farben eingerahmt. Die Szene am Hof von Parma bricht
wie ein glitzerndes Puppenspiel in dieses Laboratorium
ein. Nach der Pause dann die Schenke in Wittenberg;
die bunten Phiolen haben nun dem gesamten Requisitenschrott
aus dem Fundus der Oper, sprich der Welt(!), Platz gemacht.
Hier spielt auch der etwas harmlos und oberflächlich
geratene Religionsstreit, sowie die nicht sehr überzeugend
gelöste Erscheinung der Helena. Witzig hingegen
der hinter dicken Ästen verborgene Goethe, der
dieses Spiel augenzwinkernd zu beobachten scheint.
Bleibt die ungeheuer schwere Titelpartie. Und hier ereignet
sich in Zürich nun ein wahrer Glücksfall:
Starbariton Thomas Hampson beseelt diese Rolle mit einer
Präsenz und gesanglichen Leistung, die ihresgleichen
sucht. Während drei Stunden steht er beinahe pausenlos
auf der Bühne und zeigt, mit wenigen Ausnahmen
an exponierten Stellen im fünften Bild, keine Ermüdungserscheinungen,
ja er gestaltet am Ende des Abends noch einen unter
die Haut gehenden Schlussmonolog, der mit den Worten
ICH, FAUST; EWIGER WILLE, schliesst. Seine sterbliche
Hülle (Mantel) bleibt zurück, langsam schreitet
er ins Off und die Seelenübertragung ereignet sich
- ein nackter Jüngling schreitet der Stadt zu.
Busoni konnte sein Werk nicht selbst vollenden. Zürich
wählte den von seinem Schüler Jarnach erstellten
Schluss. Mephisto stolpert über Fausts sterbliche
Hülle und fragt sarkastisch: Sollte dieser Mann
verunglückt sein? Das Werk endet mit ergreifenden
es-Moll Akkorden. (Seit 20 Jahren existiert ja noch
eine andere Fassung, die in C-Dur Chören die Reinkarnation
von Faust besingt; beide Ansätze haben was für
sich.)
Fazit: Interessante
Begegnung mit einem atmosphärisch dichten, wichtigen
Werk der Opernliteratur; Hampson singt einen überwältigenden
Faust.
|